Essen, 31. Oktober 2022

Stellungnahme des RadEntscheid Essen

(Foto: Stephan Rütt)

Warum die Vorschläge der Bezirksvertreter*innen von CDU und Grünen für eine Verbesserung der Radinfrastruktur auf der Wittenbergstraße nicht genügen

Unabhängig voneinander haben die Bezirksvertreter*innen der CDU im Bezirk II am 26.10.2022 und die der Grünen am 28.10.2022 Vorschläge unterbreitet, die auf eine Verbesserung der Situation für Radfahrende auf der Wittenbergstraße zielen. Aus Sicht des RadEntscheids ist das Engagement grundsätzlich zu begrüßen. Inhaltlich und im Detail genügen die Ideen und Vorschläge aber nicht einem zeitgemäßen Anspruch an eine sichere Radinfrastruktur. Sie entsprechen weiterhin nicht den im RadEntscheid definierten Zielen und Standards, die der Rat der Stadt Essen im August 2020 mit den Stimmen von CDU, Grünen, SPD u.a. beschlossen hat. Daher schließt sich der RadEntscheid der Forderung nach einer zeitnahen Verbesserung auf der Wittenbergstraße an. Gleichzeitig fordert er aber eine Infrastrukturlösung für Radfahrende, die den definierten Standards hinsichtlich Sicherheit und Komfort genügt.

Die Wittenbergstraße gehört zum Hauptroutennetz für den Radverkehr. Sie ist eine zentrale Nord-Süd-Verbindung zwischen den Stadtteilen Rüttenscheid und Stadtwald und wird entsprechend intensiv von Radfahrenden genutzt. Trotz ihrer Bedeutung für den Radverkehr weist die Straße lediglich schmale Radfahrstreifen mit einer Breite von teils nur 1,0 Meter auf. In der Praxis führt das regelmäßig zu Abständen zwischen Kraftfahrzeugen und Radfahrenden, die signifikant unter den geforderten 1,5 Metern liegen. Das belegen auch erste Auswertungen des Open-Bike-Sensor-Projektes, in dessen Rahmen Radfahrende mit Hilfe von am Rad montierten Sensoren die Abstände zu Kraftfahrzeugen messen und dokumentieren.

Die Gefährdung des Radverkehrs wird darüber hinaus von einem weiteren Gestaltungsmerkmal der Straße verstärkt. Die Verwaltung hat auf einem längeren Abschnitt der Straße zwei schmale Fahrstreifen für den Kraftfahrzeugverkehr angeordnet, welche nicht richtlinienkonform sind. Diese Streifen bieten zu wenig Raum für moderne und größere Fahrzeuge, um sicher nebeneinander zu fahren. In der Folge weichen die Kraftfahrzeuge regelmäßig auf den Radfahrstreifen aus.

Die Breite der Fahrstreifen für den Radverkehr auf der Wittenbergstraße unterschreitet sogar das im relevanten Richtlinienwerk – den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen – definierte Mindestmaß von 1,85 Meter. Die Richtlinie empfiehlt für Verkehrssituationen wie an der Wittenbergstraße Fahrstreifenbreiten von 2,0 Metern. Die vom Rat der Stadt Essen beschlossenen Ziele des RadEntscheids sehen für Radverkehrsanlagen, die zu den Hauptrouten zählen und an Hauptstraßen liegen, eine Breite von 2,5 Metern vor.

Eine solche angemessene Breite von 2,5 Metern ist hier nicht nur aufgrund der Beschlüsse zwingend. Sie ist ebenso aufgrund der Verkehrsbelastung und der Höhenunterschiede im Verlauf der Wittenbergstraße notwendig. Überholen, auch von Lastenrädern oder Fahrrädern mit Anhängern, muss hier für schnellere Radfahrende möglich sein. Gerade wegen der vorhandenen Steigung.

(Foto: Heino Sahling)


Diese Geschwindigkeitsunterschiede innerhalb der jeweiligen Fahrtrichtung sind bei der Planung von Infrastrukturmaßnahmen zu berücksichtigen. Auf der Strecke ergeben sich zwangsläufig Überholvorgänge. Bereits aus diesem Grund scheidet der Vorschlag der CDU aus, da eine bauliche Ergänzung der heutigen 1,0 Meter breiten Fahrstreifen mit Kunststoffschwellen und biegsamen Schildchen Überholvorgänge über lange Strecken ausschließt. Sie stellen also eher ein Hindernis und Sicherheitsrisiko für Radfahrende da. Die Geschwindigkeitsunterschiede schließen darüber hinaus – speziell für die Fahrtrichtung nach Süden – die von den Grünen vorgeschlagene Umweltspur aus. Denn hier müssten die Busse der Ruhrbahn über eine längere Strecke hinter Radfahrenden bleiben, die sich mit teils sehr geringen Geschwindigkeiten bewegen. Der RadEntscheid lehnt die Idee der Grünen zu einer Umweltspur darüber hinaus ab, weil die Erfahrung zeigt, dass Radfahrende solche kombinierten Fahrstreifen aus Angst ablehnen und meiden. Die zahlreichen negativen Reaktionen auf die Umweltspur in der Innenstadt untermauern das. Was umgangssprachlich Umweltspur heißt, ist rechtlich ein Sonderfahrstreifen für Busse, der für den Radverkehr freigegeben ist. Die Grünen schlagen hier also keine explizite Radinfrastruktur-Verbesserung vor. Der Ratsbeschluss zum RadEntscheid sieht aus guten Gründen solche gemischten Nutzungen, bei denen der Radverkehr ergänzend freigegeben ist, nicht vor – sondern verlangt dezidiert nach exklusiven Radverkehrsanlagen.

Um eine signifikante Verbesserung zu erreichen, muss eine Radverkehrsanlage auf der Wittenbergstraße 2,5 Meter breit sein. Dort, wo entlang der Straße Parkstreifen vorhanden sind, müssen zusätzlich Dooring-Zoonen von mindestens 0,75 Meter Breite markiert werden. Um diesen Raum zu ermöglichen, muss die Verwaltung die fragwürdige Anordnung von zwei zu engen  Fahrstreifen umgehend aufheben und den Kraftfahrzeugverkehr auf einen Fahrstreifen beschränken. Diese Lösung dient darüber hinaus dem vom Rat beschlossenen Modalsplitziel von 4×25 Prozent, das vorsieht, den Wegeanteil des Kraftfahrzeugsverkehrs um 55 Prozent zu senken.

Mit Blick auf die unmittelbare Nähe des Alfried-Krupp-Krankenhauses kann es eine Überlegung sein, den Radfahrstreifen so weit zu verbreitern, dass er im Einsatzfall problemlos von Polizei und Rettungskräften befahren werden kann. Die Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen sehen für Fahrstreifen eine Mindestbreite von 2,75 Metern bis 3,0 Metern vor.

Neben der Breite von 2,5 Metern sieht der Ratsbeschluss zum RadEntscheid ausdrücklich eine bauliche Trennung in Form von Borden oder Markierungsnägeln für Radverkehrsanlagen vor. Je nach der Ausgestaltung und Anordnung der Kunststoffschwellen könnte die von der CDU geforderte bauliche Trennung hier zum Einsatz kommen, unter der Voraussetzung einer Breite von 2,5 Metern für den Radfahrstreifen. Grundsätzlich weisen wir nochmals darauf hin, dass je deutlicher die Trennung vom Kfz-Verkehr gestaltet ist, desto sicherer fühlen sich Menschen und desto eher sind sie bereit, Fahrrad zu fahren. Die Wittenbergstraße lässt über weite Strecken ihres Verlaufs problemlos eine Installation von starken baulichen Schutzelementen zu. Die Essener Parteien und das Amt für Straßen und Verkehr haben hier aus unserer Sicht eine sehr gute Gelegenheit, eine Vorzeigelösung für unsere Stadt zu schaffen.


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