Am 17. September 2022 haben sich fast 100 Kinder, Eltern, Großeltern und weitere Freund*innen der Kidical Mass Essen ab Zollverein auf die Räder gemacht, um die Straßen gefahrlos für die schwächsten Verkehrsteilnehmenden erlebbar zu machen.

(Foto: Claudia Harfst)

Das Wetter war eher herbstlich, die Zubringerrouten (und später auch die Abreise) aus den anderen Stadtteilen von Regenschauern geprägt. Danke, dass ihr mit uns dem Wetter getrotzt habt, und wie schön war es, dass die Kidical Mass Herbstausgabe selbst ihre 10 Kilometer durch die Essener Stadtteile Stoppenberg, Schonnebeck und Katernberg bei Sonnenschein absolvieren konnte. 

Vom Start vor der großen Rolltreppe auf dem Weltkulturerbe Zollverein bis zum Ziel am Spielplatz am Katernberger Bach konnten die Teilnehmenden Radinfrastruktur im Essener Norden leider nur in sehr geringem Umfang entdecken. Denn hier finden sich nach wie vor nur sehr wenige gute Radwege oder Fahrradstraßen. Dass sich radfahrende Kinder auf unseren Straßen nur unter Polizeibegleitung im Rahmen unserer freundlichen Familiendemo sicher bewegen können, zeigt deutlich, wie notwendig das zentrale Anliegen der Kidical Mass ist.

(Foto: Lutz Niemann)
(Foto: Lutz Niemann)

Daher traf es sich sehr gut, dass wir vor dem Start Oberbürgermeister Thomas Kufen begrüßen konnten. Ihm wurde die Petition Für ein kinder- und fahrradfreundliches Essen mit 1.083 Unterschriften im Rahmen einer kurzen Rede übergeben. 

Die Rede wurde von Adrian Micke geschrieben und von Dennis Wegner vorgetragen, ihr könnt sie hier noch einmal als Text lesen und im Video sehen und hören:

(Video: Anna Laura Schnieber)

Seine anschließende Rede begann der Oberbürgermeister mit der Bemerkung, dass Kinder als die schwächsten Verkehrsteilnehmenden unser besonderes Augenmerk benötigen. Im Laufe der Rede hob er dann besonders die gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmenden hervor. Insbesondere auch, dass die Rücksichtnahme von Radfahrenden auf Fußgänger*innen notwendig sei. “Nehmen Sie Rücksicht!”, ermahnte er die Anwesenden.

An diesem Punkt (Minute 9:20 im Video) wurde er von einem Zwischenruf einer Mutter mit berechtigtem Gegenwind unterbrochen: Kinder sind nicht diejenigen, die zur Rücksicht auf andere aufzufordern sind. Kinder sind die, auf die Rücksicht zu nehmen ist. 

Hierzu möchten auch wir als Kidical Mass Orga Team Stellung nehmen: 

Die Kinder, vor denen Thomas Kufen hier zu Beginn einer Familiendemo spricht, sind ganz sicher nicht die passende Zielgruppe für diese Art von Ansprache. Genau darum geht es in dem Zwischenruf.

Kinder haben, wie er am Anfang seiner Rede ja schon ganz richtig erkannte, unser besonderes Augenmerk verdient. Und damit auch sichere Wege zu Ihren Zielen in unserer Stadt. Exakt das ist das Kernanliegen der Kidical Mass Essen.

Zugeparkte Geh- und Radwege gefährden Kinder noch mehr als Erwachsene und schränken ihre Freiheit und Sicherheit ein. Zu Fuß und auf dem Fahrrad. Elterntaxis sind ein Riesenproblem an so gut wie allen Essener Schulen und Kindergärten. 

Das Problem sind die Autofahrenden und nicht die Kinder. Das war auch unweit des Startpunkts der Kidical Mass zu besichtigen: Zugeparkte Radstreifen rund um die schönste Zeche der Welt, offenbar keinerlei Durchsetzung der Straßenverkehrsordnung seitens der Stadt Essen.

Hier ist die Rücksichtnahme einzufordern. Hier ist die Straßenverkehrsordnung durchzusetzen. Im Interesse der schwächsten Verkehrsteilnehmer*innen.

Insofern war der Zwischenruf aus unserer Sicht absolut berechtigt.

Thomas Kufen wies die Forderungen unserer Petition nach mehr Sicherheit für Kinder im Straßenverkehr mit der Begründung zurück, dafür gebe es kein Mandat. Das mag für den Bau weiterer Radinfrastruktur über den Radentscheid hinaus richtig sein. Doch für viele andere Vorschläge, die auf mehr Sicherheit im Straßenverkehr zielen, braucht die Verwaltung keinen weiteren politischen Auftrag. Im Gegenteil ist es die ureigenste Pflicht der Verwaltung, diese Sicherheit herzustellen. Es ist ihr ausdrücklich erlaubt, zum Beispiel Tempo-30 oder verkehrsberuhigte Zonen im Umfeld von Kitas, Kindergärten und Schulen einzurichten. Oder sich der Initiative Lebenswerte Städte und Gemeinden für Tempo-30 als Höchstgeschwindigkeit innerorts anzuschließen.

In den Zielen des RadEntscheids, die vom Rat der Stadt verabschiedet wurden, ist deutlich verankert, dass Radwege getrennt von Gehwegen und geschützt vor Autoverkehr zu führen sind. Dadurch werden gefährliche Konflikte minimiert. Gemeinsame Rad- und Gehwege sind hier nicht hilfreich.

Mit der Novellierung der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung im Jahr 2021 sind die Punkte Verkehrssicherheit und Vision Zero explizit zur ersten rechtlichen Grundlage aller verkehrlichen Maßnahmen der Verwaltung geworden. Dass der Oberbürgermeister auf diese Verantwortung vor Ort nicht einging ist umso unverständlicher, weil Teilaspekte, wie zum Beispiel das kurzzeitige Parken vor Schulen in Essen unter dem Stichwort “Elterntaxi” zuletzt in der Presse und Öffentlichkeit problematisiert wurden.

Es wäre das Mindeste gewesen, den Kindern und Jugendlichen wie ihren Eltern zu versprechen, ihr Anliegen stärker in die Verwaltungs- und Gremienarbeit einzubringen. Denn genau das steht in der Macht wie in der Pflicht des Stadtoberhauptes. 

Die Verkehrswende fängt in den Köpfen an. Wir hoffen weiter darauf, dass Oberbürgermeister Thomas Kufen sich in seiner täglichen Arbeit mehr auf den Anfang seiner Rede besinnen wird. 

Unser Angebot steht: Wir als Kidical Mass Team wollen Politik und Verwaltung unserer Stadt bei der Umsetzung des RadEntscheids im Sinne unserer Kinder unterstützen. Für gemeinsame Gespräche stehen wir gerne zur Verfügung.

(Foto: Lutz Niemann)

An alle Teilnehmenden aus diesem und den vergangenen Jahren: Vielen Dank für eure Unterstützung und euer dabei sein! Wir freuen uns auf euch in 2023. Lasst uns gerne euer Feedback und eure Vorschläge für Stadtteile da, die wir noch nicht fröhlich klingelnd erobert haben.

Kategorien: Aktuelles

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